Literarische Entstehungsgeschichten: Sylvia Plath vs. Emily Dickinson

Shownotes

Auch 2026 begeistern euch unsere Hosts Pia und Christina wieder mit spannenden Entstehungsgeschichten zu bekannten und unbekannten Literaturen – euch erwarten autobiografische Einblicke in das Leben berühmter Autor*innen, Neu- und Wiederentdeckungen literarischer Werke und die Hintergründe dazu, wie große Literatur entstanden ist. Alle Leserinnen und Leser, die unmittelbar in der Umgebung von Innsbruck wohnen, können sogar abstimmen, welche Entstehungsgeschichte ihnen besser gefallen hat und jede Folge eine Limited Edition S’Vorwort-Tasse gewinnen. Ja, sie ist blau. Ja, sie hat einen Henkel. Und ja, sie eignet sich hervorragend für jedes Getränk eurer Wahl – aber wir empfehlen natürlich Tee.

Passend zum Welttag der Poesie, der am 21. März auch in der Stadtbibliothek gefeiert wird, geben Christina und Pia mit den U.S.-amerikanischen Lyrikerinnen Sylvia Plath und Emily Dickinson Einblick in das Leben und Schaffen zweier literarischer Ausnahmetalente.

Gibt’s auch in der Stadtbibliothek:

Werke von Sylvia Plath: https://stbibk.litkatalog.eu/litterare/simple_search?query=sylvia+plath

Werke von Emily Dickinson: https://stbibk.litkatalog.eu/litterare/simple_search?query=emily%20dickinson

Die Gedichte, die unsere Hosts vortragen, stammen aus folgenden Büchern: Sylvia Plath: „Words“. In: Collected Poems. Hrsg. von Ted Hughes. New York: Harper Perennial, 2018, S. 270. Dickinson, Emily: An irgendeinem Sommermorgen – Poems/Gedichte. Übers. von Gertrud Liepe. Ditzingen: Reclam, 2025.

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Christina #: ‑5# (...) Hallo und herzlich willkommen zurück beim Vorward, dem Podcast der Stadtbibliothek Innsbruck. Mein Name ist Christina – [Pia: und ich bin die Pia] - und wir begrüßen euch heute zur zweiten Folge des Jahres der literarischen Entstehungsgeschichten. In diesem Format treten Pia und ich gegeneinander an, indem wir euch jeweils eine interessante Entstehungsgeschichte eines Autors oder einer Autorin und deren Werk mitbringen. Ihr dürft abstimmen, welche Geschichte euch besser gefallen hat. Das geht immer direkt vor Ort in der Stadtbibliothek. Wenn ihr für uns abstimmt, habt ihr zudem die Chance, eine Limited Edition S'Vorwort Tasse zu gewinnen. Die Möglichkeit zur Teilnahme am Gewinnspiel ist an die Abstimmung geknüpft und findet immer bis circa eine Woche nach der Erstausstrahlung der Folge vor Ort statt. Am Ende des Jahres zählen wir dann aus und erfahren, wer von uns dieses Jahr den Titel für die beste Geschichtenerzählerin des Jahres 2026 erhält. Ja, den Titel habe ich mir gerade ausgedacht. Pia, ich habe die Krone fest im Blick. [Pia: Schauen wir noch. Abwarten und Tee trinken.] Es werden sich böse Blicke zugeworfen über die Mikrofone. Tee trinken. Ich trinke einen Espresso. [beide lachen] Und wir sprechen heute ja über Sylvia Plath und Emily Dickinson. Und inspiriert zu der Folgen-Idee sind wir, weil am 21. März der Tag der Poesie ist [Pia: Der Welttag der Poesie.] Der Welttag der Poesie. Also, schön. Und da haben wir auch Pia. Was haben wir da beschlossen? Für. Für die Bibliothek.

Pia #: ‑8# Wir machen eine Ausstellung auch mit unseren Lyrikbüchern. Da gibt es auch eine Ausstellung dazu. Daneben wird dann die Abstimmungsbox stehen, wo ihr für mich stimmt. [lacht] Genau.

Christina #: ‑6# Ach, immer diese Werbung. Schleichwerbung. Wer es nötig hat.

Pia #: ‑2# So, jetzt fängt's an Christina - Jetzt wird es ernst. [beide lachen]

Christina #: ‑4# Ich glaube, dass wir uns nichts Gutes tun. Ende des Jahres.

Pia #: ‑4# Du fängst mit der Sylvia Plath an.

Christina #: ‑2# Genau. Ja. Da freue ich mich sehr, euch das näher zu bringen. Und zwar … „Die Glasglocke“ ist für viele der Einstieg in Sylvia Plaths Werk. Da bin ich mir ziemlich sicher. Aber Ihre Gedichte kommen dann oft erst später. Oder viele lesen sie vielleicht gar nicht. Dabei hat sich die Sylvia Plath selbst in erster Linie als Lyrikerin verstanden. Sie wurde 1932 in Boston geboren. Ihr Vater starb, als sie acht Jahre alt war. Ein Verlust, der sie tief prägte und in ihrem Schreiben immer wieder auftaucht. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin, ehrgeizig, diszipliniert und auch früh erfolgreich. Schon als Teenagerin veröffentlichte sie Texte in Zeitschriften. Sie studierte am Smith College und gewann Preise. Nach außen hin wirkte ihr Lebenslauf makellos. Gleichzeitig litt sie seit jungen Jahren unter schweren Depressionen. Im Jahr 1956 heiratete sie den Dichter Ted Hughes. Die beiden galten zeitweise als literarisches Traumpaar. Sie bekamen zwei Kinder, lebten in England, später dann auf dem Land in Devon. Der Alltag für Sylvia Plath bestand aus Schreiben, Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit und aus der ständigen Frage, wie sich das alles miteinander vereinbaren lässt. Deswegen schrieb sie oft frühmorgens, bevor die Kinder aufwachten. Für sie war das jetzt kein … Schreiben, war für sie einfach Teil eines sehr strengen Tagesplans. Aber gleichzeitig war diese Phase von emotionaler Instabilität geprägt. Die Ehe zerbrach, Plath war alleinerziehend, krank, erschöpft und dann doch sehr literarisch produktiv. In den frühen 1960er-Jahren, in einem kurzen, intensiven Zeitraum, entstanden jene Gedichte, für die sie bis heute berühmt ist Texte wie „Lady Lazarus“, „Ariel“ oder „Daddy“. Diese Gedichte sind sprachlich dicht, bildgewaltig, aggressiv und verstörend. Sie handeln von Krankheiten, von weiblicher Selbstbehauptung, von Macht, von Tod und von dem Versuch, Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen. 1963 nahm sich Sylvia Plath das Leben. Ihr Suizid wurde früh Teil des öffentlichen Bildes, oft stärker als ihr Werk selbst. Ein Großteil ihrer Gedichte erschien erst nach ihrem Tod, herausgegeben von ihrem Exmann Ted Hughes. - Die Pia hebt die Augenbrauen: Exactly my thoughts. - Welche Texte veröffentlicht wurden und in welcher Form, ist bis heute Gegenstand von Diskussionen. Lange Zeit wurde Sylvia Plath vor allem als tragische Figur gelesen, als leidende Dichterin und das dann auch ein bisschen zu sehr glorifiziert. Erst in den letzten Jahrzehnten verschiebt sich der Blick weg von der Biographie, weg vom Suizid hin zur literarischen Arbeit, und zwar zu der Präzision, mit der sie Sprache einsetzt, zu der bewussten Gestaltung ihrer Gedichte, zu der Tatsache, dass diese Texte nicht nur Ausdruck von Schmerz sind, sondern auch von handwerklicher Meisterschaft. Ihre Gedichte sprechen Leser*innen an, die nach Sprache für innere Zustände suchen, für Wut und für Erschöpfung und für Selbstbehauptung und wirken auch deshalb so gegenwärtig, weil sie keine Distanz herstellen, sondern diese eliminieren. Sylvia Plath wusste um die Macht der Worte. Und davon handelt das Gedicht „Words“, das 1963 am 1. Februar verfasst worden ist und mit dem ich meine Entstehungsgeschichte abschließen möchte: AxesAfter whose stroke the wood rings,And the echoes!Echoes travelingOff from the center like horses.The sapWells like tears, like theWater strivingTo re-establish its mirrorOver the rockThat drops and turns,A white skull,Eaten by weedy greens.Years later IEncounter them on the road-Words dry and riderless,The indefatigable hoof-taps.WhileFrom the bottom of the pool, fixed starsGovern a life. Pia: Schön.] Hier noch eine kurze Interpretation, damit wir das nicht so alleine stehen lassen. Es geht darum, dass Sprache die Erschafferin unabhängig von deren ursprünglichen Absicht überlebt. In den Metaphern wie Axtschlägen, die ins Holz treffen und diese Echos erzeugen, die symbolisieren die einschneidende und möglicherweise verletzende Wirkung von Worten, die dann anhält. Die reiterlosen Pferde „words dry and riderless“ symbolisieren die Unkontrollierbarkeit von Sprache, die einem quasi davongaloppieren kann. Das Gedicht wird oft Teil der späteren ernsteren Werkphase … Also ist zu situieren in der späteren Werkphase, die sich mit Schmerz, Distanz und einer verhärteten Realität auseinandersetzt. Es kann, das ist meine Interpretation, als Mahnung verstanden werden, wie Sprache unser Leben und das Leben unserer Mitmenschen beeinflusst und konstituiert. Zehn Tage nach dem Sylvia Plath das Gedicht geschrieben hat, hat sie sich das Leben genommen. [Pause] Harter Tobak wieder.

Pia #: ‑4# Ja. Ist interessant, Ihre Geschichte so zu hören. Vor allem, weil eben das, wofür man sie eben immer kennt, ist: „Ja, sie hat sich umgebracht. Und es ist so tragisch und dramatisch.“ Und. Ja, und sicher ist es das auch. Aber sie wird, habe ich das Gefühl, oft eben auf das reduziert.

Christina #: ‑9# Das ist auch so typisch. Das ist doch wie mit Hemingway, dieser rauchen wie ein Schlot whiskytrinkende Dichter, der regelmäßig über seinem, äh, äh, über seiner Schreibmaschine ohnmächtig wird. Whatever. Also das ist einfach so, dass diese Glorifizierung von Leid und von Genie und während - Ich glaube, Sylvia Plath hat davon ein bisschen was mitbekommen, weil normalerweise habe ich erst mal Eindruck, Ich habe sie immer so gelesen. Normalerweise passiert das mit dem Male Genius also schon der tortured poet, also der … [Pia: Leidende Poet?] Genau der leidende Dichter. Passt. Wird meistens für Männer geframed. In dem Fall auch für sie. Aber dann gibt es natürlich auch die… , die die Tatsache, dass sie alleinerziehende Frau war, die alles unter einen Hut, berufstätig, berufstätig, unter einen Hut bringen müssen, dass war mir gar nicht so bewusst.

Pia #: ‑3# Nein, mir auch nicht.

Christina #: ‑3# Die war ja sehr, sehr jung. Also ich glaube um die 30 in der Zeit. Was sagst du dazu, dass der Ted Hughes ihre ihre Gedichte rausgebracht hat?

Pia #: ‑5# Ist ja interessant, oder? Dass gerade der Exmann, der ja sicher immer noch was miteinander zu tun hat, wenn man Kinder hat, aber -

Christina #: ‑7# Ja schon, aber es ist der Exmann, das ist ja schon … [lacht]

Pia #: ‑2# Oder? Und dann denke ich mir okay, wer hat davon Profit? Ich weiß nicht, das ist ein bisschen …

Christina #: ‑7# Profit. Und was wurde da vielleicht geändert? Weggelassen?

Pia #: ‑6# Ja, eben. Das ist bei beiden Geschichten bei uns ein bisschen relevant, weil danach immer. Die Person selber kann nichts mehr sagen, wenn sie tot ist und dann werden Sachen rausgebracht und abgeändert ohne ihr Zutun. Und das ist dann immer so die Frage, War das wirklich die Intention der Autorin oder Lyrikerin?

Christina #: ‑7# Überhaupt über Autor*innenintention geht es bei uns ja immer wieder, weil es ja immer wieder auf… Aber ja, das ist auch der Grund, warum ich „Words“ ausgesucht habe. Weil es einfach so mir so passend erschien für die Thematik. Aber wir wechseln jetzt nicht nur die Dichterin, sondern auch die Zeit, nämlich von Mitte des 20. Jahrhunderts gehen wir zurück ins 19. und zu einer Stimme, die fast ihr gesamtes Werk im Verborgenen geschrieben hat. Pia, take it away.

Pia #: ‑2# Ist eine sehr gute Einleitung. Meine Entstehungsgeschichte beginnt mit dem Ende, nämlich dem Tod unserer Autorin. Niemand hätte ahnen können, dass hinter den verschlossenen Türen eines unscheinbaren Hauses in Amherst, Massachusetts, ein literarischer Schatz verborgen lag. Als Emily Dickinson 1886 starb, entdeckte ihre Schwester Lavinia fast 1800 handgeschriebene Gedichte, fein säuberlich in kleinen Heften aufbewahrt. Lavinia hatte ihrer Schwester noch vor ihrem Tod versprochen, ihre Briefe zu verbrennen. Das tat sie auch. Als sie aber das Ausmaß des lyrischen Werks ihrer Schwester erkannte, entschloss sie sich, die Gedichte zu veröffentlichen. Wie ist es aber überhaupt zu diesem enormen Gedichtschatz gekommen? Und warum ist er nicht schon früher ans Tageslicht gekommen? Emily Dickinson wurde 1830 in Amherst geboren und wuchs in einer angesehenen, aber nicht reichen Familie auf. Sie begann früh zu schreiben und genoss eine gute Ausbildung. Ab etwa 1858 begann sie, ihre Gedichte sorgfältig in kleinen Heften zu sammeln. Ihre ersten Werke stammen aus dem Jahr 1850, doch die produktivste Phase ihres Schaffens lag in den 60er-Jahren. In diesen Jahren entstand eine unglaubliche Fülle an Gedichten. Zu Lebzeiten hat sie aber nicht viel veröffentlicht, sondern nur zehn Gedichte. Stattdessen teilte sie ihre Texte in Briefen mit engen Vertrauten. Eine besonders wichtige Person in Dickinsons Leben war Susan Gilbert, die später Emilys Bruder Austin heiratete. Susan war nicht nur enge Freundin und Vertraute, sondern auch Muse vieler Briefe und Gedichte. Die beiden verband eine tiefe Zuneigung, die manche Historiker*innen inzwischen als romantisch interpretieren. Dickinson tauschte unzählige Briefe mit Susan aus, oft voller Wärme, Scherz, aber auch inniger Gefühle. Ich habe euch da einen kleinen Ausschnitt mitgebracht. Da schreibt Dickinson: „Susie, willst du wirklich nächsten Samstag nach Hause kommen und wieder ganz mir gehören und mich küssen wie früher? Ich hoffe so sehr für dich und sehne mich so nach dir, dass ich nicht warten kann, dass ich dich jetzt haben muss. Allein die Vorstellung, dein Gesicht wiederzusehen, lässt mich heiß und fiebrig werden und mein Herz schlägt so schnell. Mein Liebling, so nah fühle ich mich dir, dass ich diesen Stift verachte und auf eine wärmere Sprache warte.“

Christina #: ‑9# Na, die waren nur gute Freundinnen. [lacht]

Pia #: ‑0# Obwohl wir die genaueren Details ihrer Beziehungen nicht kennen, wird aber deutlich, dass Susan Dickinsons Leben und Werk stark beeinflusst hat, sowohl emotional als auch kreativ. Einen großen Teil ihres Lebens verbrachte Emily Dickinson übrigens in völliger Isolation. Sie verließ das Familienhaus nur, wenn es unbedingt nötig war. Und ab 1867 begann sie, mit Besuchern durch eine Tür zu sprechen, anstatt ihnen direkt gegenüberzutreten. Die Menschen in Amherst haben sie für exzentrisch gehalten. Man hat sie nur selten gesehen und wenn doch, hat sie meistens weiße Kleidung getragen. Dickinson hat nie geheiratet und ihre Freundschaften existierten größtenteils auf Papier, in Briefen, die es über Jahre hinweg mit einer ausgewählten Gruppe von Menschen ausgetauscht hat. Forscher sind sich nicht einig, warum Dickinson sich zurückgezogen hat und so stark isoliert hat. Während ihres Lebens stellt ein Arzt bei ihr eine sogenannte nervöse Erschöpfung fest. Doch manche glauben heute, dass sie vielleicht an einer Krankheit gelitten haben könnte. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Isolierung schuf Dickinson einzigartige Gedichte mit ungewöhnlicher Interpunktion und Großschreibung und häufigen Gedankenstrichen. Die Themen ihrer Gedichte reichen von Naturreligionen bis zu Tod und Sterblichkeit. Oft mit Humor, Ironie und tiefen persönlichen Reflexionen. Und um ein Gefühl für ihre Dichtkunst zu geben, habe ich eine kleine Gedichtinterpretation mitgebracht. Das Gedicht heißt „I Dwell in Possibility - Ich wohne in der Möglichkeit“. Hier beschreibt Dickinson die Poesie, die sie als „possibility“, also Möglichkeit bezeichnet, als einen offenen, grenzenlosen Raum, der Freiheit und Kreativität erlaubt. Sie stellt die Prosa als eng und begrenzt dagegen und feiert so die Macht dichterischer Sprache. I dwell in Possibility – A fairer House than Prose – More numerous of Windows – Superior – for Doors – Of Chambers as the Cedars – Impregnable of eye – And for an everlasting Roof The Gambrels of the Sky – Of Visitors – the fairest – For Occupation – This – The spreading wide my narrow Hands To gather Paradise – Ich wohne in der Möglichkeit –Ein fensterreiches Haus –Viel heller als die Wirklichkeit –Mit Türen – ein und aus – Mit Kammern wie die Zedern –dem Auge unsichtbar –Und als ewigliches Dach des Himmels Giebelschar – Besucher, die allerschönsten –meine Berufung, dies –die schmalen Hände weit zu breiten, zu ernten, Paradies – Nach Emilys Tod nahm ihre Schwester Lavinia Kontakt zu Susan auf, um Emilys Gedichte zu veröffentlichen. Als Susan das Projekt nicht schnell genug voranbrachte, wandte sich Lavinia dann an Mabel Todd. Das war die langjährige Geliebte ihres Bruders Austen. Und ja, das ist der Austen, der eigentlich mit Emily sehr guter Freundin Susan verheiratet war [Christina zieht scharf die Luft ein]. Mabel Todd arbeitete zusammen mit einem Verleger, dann an einer ersten veröffentlichten Ausgabe. Dabei änderten sie Dickinsons ungewöhnlichen Stil, ihre Zeichensetzung und Grammatik und gaben den Gedichten auch Titel. Die erste Sammlung erschien 1890, war erfolgreich und war gefolgt von weiteren Werken. Im Übrigen wurde dabei Susan, an die die Gedichte auch oft adressiert waren, aus den Veröffentlichungen weitgehend entfernt. Ich will jetzt nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen, aber ich habe den starken Verdacht, dass Mabel damit etwas zu tun haben könnte. [lacht]

Christina #: ‑6# … weil Mabel auch mit ihr zusammen war oder was? Mit der Emily?

Pia #: ‑6# Na na, weil die Mabel ein Verhältnis mit einem Mann von der Susan gehabt hat und dann die Susan rausgestrichen hat. Deswegen hat man für lange Zeit -

Christina #: ‑3# Die. Die, die. Die Affäre war eifersüchtig auf die Ehefrau.

Pia #: ‑4# Genau. Und hat wahrscheinlich. Also das ist die Annahme von den meisten., meisten Forschern, dass sie dann absichtlich die Susan rausgestrichen hat.

Christina #: ‑2# Das finde ich so traurig, weil offensichtlich waren ja Emily und Susan und das war ja an sie gerichtet.

Pia #: ‑9# Das hat man erst später dann wiederentdeckt, dass da diese Beziehung entstanden ist. Ja, aber halt, die Forschung hat sich oft damit lang nicht mit Susan und mit Emilys Beziehung auseinandergesetzt, weil man eben auch weil das herausgestrichen worden ist, von …

Christina #: ‑4# Weil man es nicht gewusst hat.

Pia #: ‑7# Ja eben.

Christina #: ‑1# Mann, Mabel!

Pia #: ‑3# [lacht] Sag ja, exakt das ist die Vermutung von den meisten.

Christina #: ‑0# Dass das ist. Also das ist ja alles konstruiert, historisch dann nachgezeichnet.

Pia #: ‑0# Aber dank Lavinia Dickinson Entschluss, Emilys Hefte aufzubewahren und nach ihrem Tod nicht zu verbrennen, konnte ein einzigartiger literarischer Schatz der Nachwelt erhalten bleiben. Wäre alles vernichtet worden, wären über 1800 Gedichte für immer verloren gewesen. Werke, die heute als Meisterwerke der amerikanischen Lyrik gelten.

Christina #: ‑5# [applaudiert leise] Oh toll, tolle Geschichte, tolle Geschichte. Es ist unvorstellbar. Was … Dass man das nicht hätte lesen können, dass man sie nicht hätte kennen können, oder?

Pia #: ‑9# Ja, wäre schade gewesen. Allerdings denke ich mir dann wieder ist es das, was sie wollte? Weil sie hat ja eigentlich gesagt: „Bitte verbrennen alles“ und dann bin ich so hat sie die Gedichte gemeint oder hat sie nie Gedichte, Gedichte gemeint? Und man muss auch sagen die Suan wollte sie ja auch veröffentlichen und wollte eigentlich eine andere Art von Ausgabe herausbringen. Und das wäre vielleicht eher im Sinn von Emily gewesen, aber das ist nie passiert.

Christina #: ‑6# Ich kann mir vorstellen, dass auch die die Familie da viel redigiert hat. So ähnlich wie bei Ted Hughes.

Pia #: ‑6# Ja, eben deswegen hat mir das schon daran erinnert.

Christina #: ‑5# Und es gibt ja viele – auch Kafka berühmterweise wollte nicht, dass man ihn veröffentlicht. Und das ist halt immer die Frage. Wir sind natürlich, unsere Kultur ist reicher darum.

Pia #: ‑0# Natürlich. Es wäre schade, wenn diese Werke nicht geben wird, oder?

Christina #: ‑6# Was mich so fasziniert neben der lesbischen Beziehung, die -

Pia #: ‑7# Potenziell lesbisch. Wir wissen es ja nicht. Aber. [lacht]

Christina #: ‑4# Um noch mal zu zitieren: „Ich hoffe so sehr für dich und sehne mich so nach dir. Ich kann nicht warten. Ich muss dich jetzt haben. [beide lachen] Das Gesicht - Dein Gesicht wieder zu sehen, lässt mich heiß und fiebrig werden.“ Wie gesagt, best friends. [beide lachen] Das hab ich voll faszinierend gefunden, weil ich Emily Dickinson kennst du natürlich, wenn, so glaube ich vom Namen. Aber ich muss gestehen, ich habe mich nie mit ihr beschäftigt. Das heißt, ich habe keine Gedichte von ihr gelesen. Und ich habe zwar gewusst, sie, dass sie für die Schublade geschrieben hat. Das ist eine ganz berühmte literarische Entstehungsgeschichte, die im Umlauf ist, wenn du Literatur studierst. Aber. Also echt cool. Und mir gefällt so dieses der Gedanke, wie intrinsisch ihr Antrieb war, das zu schaffen.

Pia #: ‑1# Nur für sich selber und für die Leute, die ihr wichtig waren.

Christina #: ‑9# Schön, aber dann frage ich mich, hat sie vielleicht auch in the closet geschrieben, weißt, so …

Pia #: ‑9# Ja.

Christina #: ‑9# In die Schublade rein, für die Susan? Es ist schon tragisch.

Pia #: ‑1# Ja, aber schön, dass man es jetzt lesen können.

Christina #: ‑9# Voll schön. Ich finde es richtig schön. Ja, cool. Und die Emily Dickinson liegt dir ja sehr nah am Herzen. Die Gedichte.

Pia #: ‑5# Ja, ich mag sie sehr gern. Eine meiner Lieblings-Lyrikerinnen. Ja, Ich finde, sie ist eben so modern für die damalige Zeit eben mit dieser Interpunktion. Und, ich mein, die Themen sind, sind allgegenwärtig, eben Tod, Trauer und und und. Das sind Sachen, mit denen wir uns immer noch beschäftigen. Aber ich finde eben, es ist heute auch immer noch gut zu lesen, weil oft gerade alte Lyrik hat eine ganz spezielle Form und ist sehr strikt. Und es ist lustig, dass ihre Gedichte ein bisschen an das angepasst wurden am Anfang.

Christina #: ‑5# Von den, ah, die die das editiert haben.

Pia #: ‑8# Genau. Also von der Mabel und auch diesem Verleger. Die haben das ein bisschen an die Konventionen der damaligen Zeit angepasst, weil es ihnen eben nicht so gepasst hat, als zu modern war.

Christina #: ‑3# Spannend. Die Frage ist auch, hat Emily Dickinson selber viele Gedichte gelesen? Also war sie jemand, der viel rezipiert hat und?

Pia #: ‑3# Da fragst mich jetzt zu viel. [lacht]

Christina #: ‑2# Aber das ist fair, weil das sind einfach Fragen, die man dann anfängt sich zu stellen. Weil, wenn man da mal ins Reden kommt.

Pia #: ‑7# Es ist aber immer bei diesen literarischen Entstehungsgeschichten. Man findet dann immer mehr und mehr raus über diese. Man könnte dann viel mehr reinpacken.

Christina #: ‑8# Und geht dann immer tiefer und tiefer. Eigentlich könnte man das stundenlang machen. Aber dann müsste man natürlich ein Seminar besuchen oder abhalten [Pia lacht] und da tief in die Recherche gehen.

Pia #: ‑0# Könnten wir auch machen. [beide lachen] Neue Podcast-Idee.

Christina #: ‑9# „Willkommen im zehnteiligen …“

Pia #: ‑5# Genau. [lacht]

Christina #: ‑6# Ja, wir können immer nur die Oberfläche ankratzen. Aber es sind einfach spannende, spannende Geschichten aus der Literatur und immer wieder faszinierend, neue davon zu hören. Und ich finde dein Gedicht auch voll schön gewählt, weil wie du ja gesagt hast, dass es eben die es beschreibt, dass es die Möglichkeit von Poesie beschreibt.

Pia #: ‑3# Ja.

Christina #: ‑9# Das ist sehr schön.

Pia #: ‑8# Das hat gut gepasst. In dem Fall. Aber deins war auch sehr interessant und vor allem auch sehr komplementär. Die passen ja zusammen, diese Gedichte, oder würde ich sagen, vom Thema her.

Christina #: ‑6# Natürlich haben wir uns gedacht, dass wir über Worte was machen wollte, weil das ist ja im Grunde unser Lebenswerk. Ja, eben für uns. Wir kuratieren Worte. Bibliothekarinnen machen nichts anderes, als den ganzen Tag das Versuchen nach außen zu tragen, oder?

Pia #: ‑8# Genau. Und das ist ja mit beiden dieser Gedichte.

Christina #: ‑4# Genau.

Pia #: ‑2# Gemeint.

Christina #: ‑7# Aber ich finde, dass dieses Gedicht von der Dickinson am positiveren Vibe hat, wenn ich es richtig verstehe und interpretiere. Die Sylvia Plath hat, war, hat sich da mehr auf auf den negativen Aspekt oder wie also konzentriert? Man kann es anders lesen, aber mit dem mit dem biografischen Kontext, den man von ihr hat, weiß man, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach …

Pia #: ‑5# In eine kritische Richtung geht.

Christina #: ‑6# Und man sieht es ja an, oben ganz kurz in die in die Gedichtsanalyse einzusteigen. Bleibt’s ja dran, Leute. [beide lachen] Weil wir verabschieden uns ja noch bei euch. Es war immer der Horror für alle, aber ich habe es geliebt im Deutschunterricht.

Pia #: ‑8# Ja, ich auch. [beide lachen]

Christina #: ‑8# Das war so toll, oder? [Pia: Ja!] Aber sie spricht halt von von Äxten, oder? Und wie sie irgendwas kaputtschlagen. Und es gibt da schon mal den Eindruck, das ist was, das vernichtet.

Pia #: ‑1# Was für eine Macht das hat.

Christina #: ‑1# Und da der. Was heißt denn „sap“ auf Deutsch?

Pia #: ‑0# Oh Gott. Hartz!

Christina #: ‑0# Ja, das Hartz ist ja dann so wie das Blut … und so geht das weiter. [seufzt] Schon toll. Ja. Na, wir wollen euch jetzt nicht länger damit aufhalten, diese Gedichte zu analysieren. Allerdings. Wenn es was ist, was ihr euch wünschen würdet, dann machen wir das natürlich auch sehr gerne in einer Folge der Entstehungsgeschichten, eine Gedichtsanalyse.

Pia #: ‑7# Genau. Und bis dahin könnt ihr euch Gedichte natürlich gern bei uns ausleihen. Auch bei unserer Ausstellung, die man dazu machen.

Christina #: ‑7# Kommt vorbei. Es wird überall Gedichte geben und es ist ein bisschen, wie wenn man lang. Es gibt ja Leute, die, die manchmal über Tage oder Wochen keine Musik hören. Und wenn man dann wieder ein gutes Lied hört. Das ist echt so ähnlich und es dauert, man liest es und es dauert zehn Minuten.

Pia #: ‑5# Und dann ist man wieder drin.

Christina #: ‑5# Und der Tag ist anders.

Pia #: ‑9# Ja.

Christina #: ‑9# Wir möchten uns auf jeden Fall bei euch fürs Zuhören bedanken. Wir freuen uns auf die zahlreichen Stimmen, die ihr uns vor Ort dalasst. Danke auch wieder für eure Anfragen und die lieben Kommentare. Euer Feedback sendet ihr einfach wie gewohnt an post.stadtbibliothek@innsbruck.gv.at. Schaut doch außerdem mal auf Instagram unter stadtbibliothek.innsbruck vorbei. Neben tollen Gewinnspielen halten wir euch dort über alles auf dem Laufenden, was in der Stadtbibliothek noch so passiert. Und das ist auch 2026 wieder eine ganze Menge. Weil, in dem Moment, wo wir die Folge rausbringen, ist ja dann bald März und dann geht es wieder los mit den Veranstaltungen.

Pia #: ‑3# Genau.

Christina #: ‑2# Ja. Schönes Lesen.

Pia #: ‑7# Tschüss. Outro-Musik]

Pia #: ‑5#

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