Kurz und Schmerzlos mit ... Rainer Moritz
Shownotes
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Rainer Moritz, ehemaliger Leiter des Literaturhauses Hamburg, ist Autor, Publizist, bekennender Schlagerexperte und Übersetzer. Mit seinem Buch „Mögen Sie Madame Bovary? Lieblingsfiguren der Weltliteratur“ war er in der Stadtbibliothek Innsbruck zu Gast. Im Interview spricht er mit Boris über seine Erfahrungen als langjähriger Literaturkritiker. Es geht darum, wie sich das Feld im Laufe der Jahre – und mit dem Aufkommen des Internets – verändert hat. Außerdem teilt er seine Gedanken zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Literaturbetrieb.
„Mögen Sie Madame Bovary? Lieblingsfiguren der Weltliteratur“ von Rainer Moritz (Oktopus, 2025) https://oktopusverlag.ch/produkt/moegen-sie-madame-bovary/ Gibt’s auch in der Stadtbibliothek: https://stbibk.litkatalog.eu/litterare/manDetail/125930?query=m%C3%B6gen%20sie%20madame%20bovary
Ans Herz gelegt – der Literaturtipp von Rainer Moritz: „Zwei Wochen am Meer“, R.C. Sherriff (Deutsch von Karl-Heinz Ott): https://stbibk.litkatalog.eu/litterare/manDetail/104833?query=zwei%20wochen%20am%20meer
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Boris #: ‑3# Rainer Moritz, „Mögen Sie Madame Bovary? Lieblingsfiguren der Weltliteratur“, Oktopus 2025: „Eine einzige Begegnung kann unser Leben verändern. Und das gilt auch für Begegnungen mit Figuren aus der Literatur. Manchmal kommen wir ihnen so nahe, dass sie uns vertrauter erscheinen als die Menschen in unserer Nachbar- oder Verwandtschaft. Wir finden uns in ihnen wieder, nehmen Anteil an ihren Schicksalen, reiben uns an ihnen und wollen sie nicht mehr missen. Sie bringen uns zum Nachdenken, zum Lachen oder zum Brodeln, nehmen uns mit in eine fremde Welt und erweitern unseren Horizont. Rainer Moritz lädt ein zu einem Spaziergang durch die Weltliteratur, begleitet von einer äußerst vielfältigen und höchst subjektiven Auswahl seiner Lieblingsfiguren von Dagobert Duck über Emma Bovary, Troubadix, Emma Woodhouse und den kleinen Nick bis hin zu Emily Grimes.“ Intro-Musik] Hallo und herzlich willkommen zurück beim Vorwort: Kurz und Schmerzlos. Heute mit Rainer Moritz und mein Name ist Boris Schön. Ja, Herr Moritz, schön, dass Sie da sind. – Rainer Moritz: Ich freue mich auch. - Ich würde Sie zuerst wie alle unsere Gäste bitten, sich kurz vorzustellen.
Rainer Moritz #: ‑6# Bis Ende April hätte ich geantwortet: Ich bin Leiter des Literaturhauses Hamburg. Das bin ich nicht mehr seit Ende April. Deswegen sage ich: Ich bin Autor, Publizist, Literaturkritiker, Schlagerexperte. Was nicht so viele Menschen aus der Literatur sind und gelegentlich auch Übersetzer.
Boris #: ‑7# Sie arbeiten ja in sehr vielen Bereichen des Literaturbetriebs. Und… Ich stelle mir heute ein bisschen die Frage, da Sie ja auch als Literaturkritiker arbeiten, das machen. Wie lange machen Sie das schon? Wie lange sind Sie schon in der Literatur? Wie lang schreiben Sie schon Rezensionen? Und …
Rainer Moritz #: ‑6# Ich hab zum Glück alles in meinem PC gespeichert. Also das ist eine immense Datei. Ich habe begonnen, als Student in Tübingen studiert habe. Meine erste Rezension war 1983. Ich erschrecke selbst, wenn ich es ausspreche. Für die Stuttgarter Zeitung ein Blatt, für das ich heute immer noch gelegentlich schreibe. So hat es begonnen mit der Stuttgarter Zeitung. Dann sind andere Zeitungen dazugekommen. Das wechselt ja immer wieder. Manche Zeitungen, der Rheinische Merkur, für den habe ich früher geschrieben, die gibt es schon lange nicht mehr. Und aktuell sind es neben Rundfunkanstalten also Deutschlandfunk, Mitteldeutscher Rundfunk. Vor allem die Neue Zürcher Zeitung. Die Frankfurter Allgemeine ist jetzt dazugekommen und für Österreich natürlich auch Die Presse und die Furche.
Boris #: ‑9# 1983 bin ich auf die Welt gekommen, also …
Rainer Moritz #: ‑7# Ja, ich bin selber erschrocken. Ich habe wirklich alle Rezensionen abgespeichert und es sind sehr viele, habe ich dann gesehen, als ich die Seiten überschlagen habe.
Boris #: ‑6# Jetzt war das immer eine bezahlte Tätigkeit oder haben Sie das auch teilweise einfach so gemacht? Oder wie kann man sich das vorstellen? Ist das quasi Ihr Brotberuf zu einem gewissen Teil immer gewesen?
Rainer Moritz #: ‑4# Es war eine Nebenbeschäftigung, ich war nie mutig genug im Leben zu sagen Du willst dich jetzt als freier Publizist. Das klingt ja immer so schön. Freier Autor Es ist meistens nicht so schön, wie es klingt. Mich hat schon immer eine nebenberufliche Tätigkeit. Ich war 15 Jahre im Verlagswesen gewesen, bei Reclam Leipzig, dann zuletzt noch Verlagsleiter bei Hoffmann und Campe in Hamburg ehe ich ins Literaturhaus gewechselt bin 2005 und ich habe aber immer neben allen Tätigkeiten, egal ob im Verlag oder dann im Literaturhaus, immer Literaturkritik geschrieben, habe Bücher veröffentlicht, einfach weil ich das wollte. Die Leute fragen mich manchmal Ja, warum machst du das denn? Ich sage immer, Wenn man etwas will, dann tut man das. Und das Glück hatte ich immer, dass ich das gut verknüpfen konnte mit der hauptberuflichen Tätigkeit. Deswegen ist diese Literaturkritik, war zum Glück immer bezahlt. Ich sage im Scherz immer, das hat die Aufstockung des Weinkellers erleichtert. [Boris lacht] Sie wissen, für eine Print-Rezension davon wird man nicht reich. Der Kritiker, der heute nur noch von der Literaturkritik lebt, das gibt es kaum noch. Das war vor 20, 30 Jahren gab es solche Kritiker noch, die eine Rezension dann zehnmal an Provinzzeitungen verkauft haben, den gleichen Text, dann konnte man davon leben. Das geht heute, wenn Sie nicht Hörfunk und viele andere Dinge dazu machen, eigentlich nicht mehr.
Boris #: ‑9# Wie hat sich das generell verändert, diese ganze Literaturkritik? Ich denke mir. Also mir kommt einfach vor, es gibt inzwischen wahnsinnig viele Laien-Kritik, die ja dazu gekommen ist im Netz und ist ja auch wie ist das? Wie kann man sich das zeitlich vorstellen? Wie viel Zeit darf man sich überhaupt noch nehmen, damit das halbwegs finanziell funktioniert?
Rainer Moritz #: ‑4# Ich musste wieder von den Kritiken nicht rein leben, sonst hätte ich, hätte man anders agieren müssen. Nein, Sie wissen das ja selber. Wenn man einen 800 Seiten Roman rezensieren muss, dann darf man nicht umrechnen. Wenn man dann 350 €, wenn es hochkommt, für diese Rezension bekommt. Da darf man gar keine Stundenzahl eher ausrechnen. Ich habe das oft verknüpfen können. Ich mache viele Veranstaltungen mit Buchvorstellungen in Bibliotheken, in Buchhandlungen. Und dann sind die Bücher, die ich rezensiere, wenn ich sie denn gut finde, auch dabei. Dann habe ich immer versucht, auch mich selber mehrfach auszuschlachten, um davon zu profitieren. Nein. Wir wissen alle, dass es um die Print-Literaturkritik völlig anders bestellt ist als noch vor 20, 30 Jahren. Der Einfluss ist massiv gesunken. Auch die Literaturkritik im Fernsehen hat eigentlich keine Bedeutung mehr. Alle erinnern sich noch an das alte Literarische Quartett. Da hatte, wenn man selber im Verlag war wie ich, dann war das immer ein wichtiges Datum, wenn man gehofft hat, das ist jetzt das Buch, das empfohlen wird, und dann sind die Verkaufszahlen auch sofort in die Höhe geschnellt. Heute können Sie eine große Rezension im Spiegel haben oder in der Frankfurter Allgemeinen und Sie merken nichts im Verkauf. Das hat sich völlig gewandelt. Sie haben gesagt, das ist im Internet auf andere Foren, hat sich das verlagert. Das hat nur deswegen bin ich auch immer, wenn ich gefragt werde, wird ein vehementer Verteidiger der Literaturkritik. Wir brauchen dieses, diese Form der Auseinandersetzung mit Literatur. Wenn ich nur noch nach Internetrezensionen gehe, Daumen hoch, Daumen runter, „Ich habe geweint“ [Boris lacht] als höchstes Kriterium der kritischen Auseinandersetzung. Das darf es ja, soll es geben. Empfehlungen. Da haben sich ja ganze Netzwerke, Communities zusammengetan. Das ist auch völlig in Ordnung. Aber man muss schon schauen, was Literaturkritik eigentlich ist. Und das ist eben schon der Versuch, mit Argumenten die Spreu vom Weizen zu trennen. Und ich merke, dass immer wieder Leute sind dafür auch dankbar. Wenn nur noch gelobhudelt wird, dann hat letztlich niemand was davon. Aber der Einfluss ist natürlich gesunken. Sie wissen, dass auch die Zeitungen es immer schwerer haben. Die taz in Deutschland gibt es jetzt nur noch in einer Wochenausgabe, nicht mehr als tägliche Zeitung. Das wird anderen Organen wahrscheinlich auch so gehen. Also da darf man sich keine Illusionen machen.
Boris #: ‑3# Kommt Ihnen auch vor, dass da irgendwie eine Linie zwischen Generationen verläuft, oder haben Sie da nicht so das Gefühl?
Rainer Moritz #: ‑6# Natürlich sind es eher ältere Literaturkritikerinnen und Kritiker, die versuchen, die Fahne hochzuhalten. Das finde ich auch wichtig. Es gibt zum Glück sehr vehemente Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Daniela Strigl aus Österreich nach Sigrid Löffler. Sie hat quasi den Platz von Sigrid Löffler in gewisser Weise eingenommen, ist auch eine Person, die ich sehr schätze, weil sie eben darauf pocht, dass es kritische Argumente gibt. Aber natürlich ist unter den Jüngeren ist es oft leichter, sich im Internet zu tummeln, sich auszutauschen. Wie gesagt, das soll es geben. Aber man darf es nicht mit Literaturkritik verwechseln. Das passiert manchmal, dass das so getan wird, als sei das auch Literaturkritik. Das ist Literaturempfehlungen, und das ist in Ordnung. Aber da geht der Riss, da würde ich Ihnen zustimmen, ein bisschen durch die Generationen. Aber es gibt, auch wenn Sie die Printmedien anschauen, immer wieder neue Kritikerinnen und Kritiker, die auch versuchen, diese Maßstäbe hochzuhalten.
Boris #: ‑9# Jetzt gab es ja von Marcel Reich-Ranicki, glaube ich, das Buch damals „Alles Verrisse“ [Rainer Moritz: „Lauter Verrisse“]. „Lauter Verrisse“. Darf ich Sie fragen, wie ist es, wenn Sie manchmal, ich weiß nicht, ob Sie es schon getan haben, so einen richtigen Verriss schreiben. Ist das …?
Rainer Moritz #: ‑6# Ich würde sagen, ich habe nie durchgezählt. Es gibt ja auch die gemischte Rezension, wo man selber unsicher ist, wo man Schwächen des Buches erkennt, aber auch Stärken erkennt. Natürlich gehört es dazu. Das ist die Aufgabe der Literaturkritik. Wer bei allen beliebt sein möchte, der sollte keine Literaturkritik schreiben, das ist ganz klar. Nein, wenn man sich auf die Fahne geschrieben hat ich will auch zwischen gut und weniger gut unterscheiden, dann muss ich das auch in einem Text formulieren. Nein, ich habe sehr wüste Verrisse in meinem Leben geschrieben. Ich würde sie nicht als Buch sammeln. Das ist vorbei. Die Zeiten, wo Reich-Ranicki das gemacht hat. [Boris lacht] Nein, aber ich lobe sehr, sehr gerne, auch euphorisch. Es gibt in jeder Saison, würde ich sagen, ein Buch, mit dem ich auch bei meinen anderen Veranstaltungen dann werbe. Weil ich, wenn ich ein Buch gut finde, dann will ich es auch in die Welt tragen, letztlich. Aber der Verriss gehört dazu. Es ist sogar manchmal leichter, einen Verriss zu schreiben, weil da hat man mehr Möglichkeiten stilistischer Art. Wenn Sie loben, dann haben Sie oft immer noch die gleichen Adjektive. Ich habe zum Kollegen Denis Scheck, den ich ganz gut kenne, gesagt Denis, du darfst nicht fünfmal im Halbjahr von einem „Meisterwerk“ sprechen. Das muss weniger werden. Man versucht natürlich zu loben und „brillant“, „virtuos“, „meisterlich“. Diese Adjektive gehen einem irgendwann aus. Beim Verriss kann man sozusagen mehr jonglieren, da kann man oft originellere Dinge einsetzen. Wie gesagt, ich versuche immer auch einen Verriss zu begründen. Es gibt auch hämische Literaturkritiker. Gab es in der Vergangenheit welche, wo man gemerkt hat, da ist die eigene Bedeutung wichtiger als das Buch. Das versuche ich zu verhindern. Aber der Verriss gehört dazu.
Boris #: ‑1# Jetzt sind Sie ja heute Abend in der Stadtbibliothek mit Ihrem neuesten Buch, glaube ich. Oder? „Mögen Sie Madame Bovary?“ Das ist eine Art Spaziergang durch Ihnen sympathische Figuren, würde ich sagen, der Weltliteratur. Das heißt, ist das auch in Ihrer Tätigkeit als Literaturkritiker so gewesen, dass Sie immer wieder dann diese, diese Lesetätigkeit genutzt haben, um Elemente zu entnehmen? Oder auch für Ihre- Sie haben ja sehr viele Bücher selber geschrieben, sozusagen das, was ich vorhin erwähnt habe, dass man, dass man es noch nebenbei zusätzlich nutzen kann.
Rainer Moritz #: ‑3# Das war immer ein Nebeneffekt, wenn man so viel liest, wie ich es tue. Ich habe das eigentlich immer getan und selber dann produktiv mit diesem Gelesenen umgehen will. Das markanteste Beispiel war vielleicht … Wie lange ist das her? Zehn Jahre? Da habe ich ein Buch, das wirklich aus der Literaturkritik entsprang, weil mir fiel irgendwann auf: Moderne Romanen haben ja fast alle Sexszenen. Und dann fiel mir auf, gerade durch die Tätigkeit als Kritiker, dass selbst die tollsten Autorinnen und Autoren an dieser Stelle versagen. Das ist dann Sie wollen originell sein, sie wollen nicht in die Pornografie abrutschen. Dann wird es aber unfreiwillig komisch oft. Und daraus habe ich dann ein Buch gemacht. Das war im Effekt. Das hieß „Matratzendesaster: Literatur und Sex“, wo ich sozusagen die schlechtesten Stellen aufgelistet habe, in Verbindung miteinander gebracht habe. Das war ein direktes Produkt. Und bei „Mögen Sie Madame Bovary?“ ist es natürlich auch ein ähnlicher Aspekt. Es begleiten einen Figuren, wenn ich bei Veranstaltungen mit Leserinnen und Lesern spreche, dann merke ich immer, die Leute reiben sich an Figuren. Das müssen nicht unbedingt Figuren sein, mit denen man sich identifiziert. Das kann auch sehr schön sein, aber so ist es ja nicht. Wir haben oft Figuren, die uns nicht aus dem Kopf gehen, die gemischt sind. Früher sagte man gemischte Charaktere im Theater. Und nein, das sind Figuren, denen man sich reibt, die Dinge tun, die man eigentlich nicht für richtig hält, die einem aber trotzdem sympathisch sind. Madame Bovary, die Titelfigur, ist vielleicht das markanteste Beispiel eigentlich auf den ersten Blick eine Frau, die ihren Mann betrügt, die Liebhaber hat, die das Geld veruntreut und sich am Schluss umbringt. Das ist auf einem Blatt Papier gesehen, jetzt nicht der sympathischste Lebenslauf. Aber dann ist es doch eine Frau, wenn man sich näher mit ihr beschäftigt, wo man sagt: Ja, aber sie hat mehr aus ihrem Leben gewollt. Sie hatte einen Antrieb, sie war Feuer und Flamme, und nicht umsonst hat Flaubert sie als Heldin genommen.
Boris #: ‑4# Sie sind ja aktiv, wie Sie vorher schon erwähnt haben, in ganz vielen Disziplinen des Literaturbetriebs. Eine Frage, die sich jetzt auch schon länger durch diesen Podcast zieht, ist immer die: Wo sehen Sie die Risiken oder die Potenziale der künstlichen Intelligenz? Natürlich, dass die künstliche Intelligenz ein Buch schreibt und anschließend es dann rezensiert, ist wahrscheinlich unwahrscheinlich, aber möglich. Ich weiß nicht. Wie sehen Sie das?
Rainer Moritz #: ‑9# Ich hatte einen interessanten Fall erst letzte Woche, da habe ich für eine Zeitung, für die ich regelmäßig schreibe, die machen einen Jahresrückblick auf markante Bücher des Jahres, die alle rezensiert worden sind im Blatt. Und diese Zusammenfassung hat die künstliche Intelligenz gemacht. Ich habe dann meinen Text zum Gegenlesen bekommen. Das war auch ein interessantes Phänomen, weil die kritischeren Partien sind eher weggefallen aus der Rezension. Der zuständige Redakteur hat mir zurückgeschrieben, als ich ihm sagte, Was ihr alles für Sachen macht neuerdings. Er hat nur resigniert zurückgeschrieben, dass ich das noch erleben muss. Also ich glaube, da wird es. In solchen Gebrauchstexten spielt es ja jetzt schon eine markante Rolle, da muss man sich nichts vormachen, da kann man auch die Welt nicht schönreden. Bestimmte Romane aus dem New Adult, Romantasy, diese neue, so erfolgreiche Kategorie, da weiß man es, dass die mit künstlicher Intelligenz geschrieben sind. Für die Übersetzer ist das oft ein großes Problem, weil die Verlage bei einfachen Texten war vor einem Dreivierteljahr ein Fall, der durch die Presse ging, als eine Übersetzerin keinen Übersetzer-Vertrag mehr bekam, nur noch einen Redaktionsvertrag, weil die Rohübersetzung wurde von der KI gemacht und sie sollte bloß noch redigieren. Also das ist auch finanziell ein kritischer Faktor. Ich habe, kann man sagen, das behauptet jeder, der mit Literatur zu tun hat, dass das kreative Potenzial sicherlich nicht so schnell von KI erschöpft. Wenn man selber mal ich mache das gelegentlich immer mal wieder, probiere was aus, lasse mir Antworten von ChatGPT geben. Und da merkt man schon, dass es zusammengetragen ist. Die werden immer besser und da soll man sich nichts vormachen. Aber noch bin ich optimistisch, dass der eigentliche künstlerische, kreative Akt so schnell nicht ersetzt wird.
Boris #: ‑3# Ich denke mir immer, vielleicht ist es auch einfach noch wichtig, dass man eine Person hat, die man sich ansehen kann, um damit dann den Inhalt zu verbinden.
Rainer Moritz #: ‑5# Also ich habe 20 Jahre in Hamburg gearbeitet, kenne auch die Kolleginnen und Kollegen der anderen Häuser. Und ich weiß noch genau, vor zehn, fünfzehn Jahren hat es der Kulturwissenschaftler Stephan Porombka. Da hatte ich eine Auseinandersetzung, weil er hat behauptet, die Zeit der Lesungen sei vorbei. Das sei Aura, dass er Kirche, Literatur-Kirche, es müsse Events geben, Diskussionsrunden nur noch das werde absterben. Und diese Behauptung hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, man hat festgestellt, dass gerade das Publikum es liebt, einem Autor nahe zu sein. Manche dieser Häuser sind ja auch sehr enge Räumlichkeiten, wo man zwei Meter entfernt sitzt von der Bühne. Die wollen auch den Autor hören, wie er spricht über sein Werk. Deswegen gibt es ja immer dann moderierte Lesungen in der Regel. Also ich habe das Gefühl, das Bedürfnis eher wächst, einen anderen Zugang zum Text zu bekommen und dem Autor, der Autorin wirklich ganz nah zu sein und dann auch den Roman vielleicht besser zu verstehen.
Boris #: ‑9# Ja, vielen Dank für dieses Gespräch. Sehr spannend. Ich würde sie am Schluss noch bitten, nachdem Sie ja vorher schon gesagt haben nicht zu viele Meisterwerke soll Denis Scheck im Jahr sehen. Aber würden Sie unseren Zuhörer*innen noch einen Lesetipp auf den Weg geben?
Rainer Moritz #: ‑0# Es gebe ein sommerliche Lesetipp. Wir haben jetzt Winter, Es ist kalt. Wir warten auf die wärmeren Tage. Vor zwei, drei Jahren ist im Unionsverlag in Zürich ein Roman erschienen eines 1975 gestorbenen Engländers, der vor allem als Theaterautor, als Drehbuchautor in Hollywood erfolgreich war, hat in den dreißiger Jahren zwei Romane geschrieben, und einer ist in der Übersetzung von Karl-Heinz Ott erschienen „Zwei Wochen am Meer“. Der Autor heißt R.C. - er hat sich immer abgekürzt -Sherriff, wie der Sheriff, bloß mit Doppel R. Und das ist ein Roman, „Zwei Wochen am Meer“. Der beschreibt nichts anderes, als dass eine englische Familie eine fünfköpfige Familie fährt, jedes Jahr südlich von London ans Meer, jedes Jahr in die gleiche Pension. Die Pension wird immer schlechter, aber man übersieht alle Mängel. Und der Roman beschreibt diesen Urlaub mit einem ungeheuer warmen menschlichen Blick darauf. Es dauert schon, weil der Vater ein bisschen ein Erbsenzähler ist. Den Urlaub plant bis in jedes Detail hinein. Es dauert schon 100 Seiten, bis die Familie am Urlaubsort ankommt. [Boris lacht] Bis endlich alle Koffer so sind, dass er am rechten Ort ankommt. Nein, das ist ein tröstlicher Roman. Und ein Roman, der ist jetzt nicht Weltliteratur im engeren Sinne, aber es ist ein Roman, der sofort zeigt, dass dieser Autor für jedes kleine menschliche Detail einen Blick hat und dadurch einen wunderbaren Roman geschrieben. Also wer jetzt im Winter, wem es zu kalt ist, der liest R.C. Sherriff, „Zwei Wochen am Meer“.
Boris #: ‑3# Vielen herzlichen Dank. Das klingt sehr gut. Danke Ihnen. [Rainer Moritz: Dankeschön.]
Outro-Musik] S‘Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen, dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. #: ‑5#
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