Kurz und Schmerzlos mit ... Iris Wolff

Shownotes

Iris Wolff ist Schriftstellerin und Literaturvermittlerin. Sie spricht mit Boris über ihren aktuellen Roman „Lichtungen“ (Klett-Cotta 2024), der 2024 für Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert war.

Dabei erzählt sie, wie sie zum Schreiben gefunden hat: In Siebenbürgen in Rumänien geboren, ist das Schreiben für Iris Wolff eine Verbindung zu Identität und Herkunft. Sie spricht über die Herausforderungen, den die unkonventionelle Struktur ihres aktuellen Romans mit sich gebracht hat (die Handlung von „Lichtungen“ verläuft von hinten nach vorne) und gibt dabei spannende Einblicke in das Handwerk der Schriftstellerei.

„Lichtungen“ von Iris Wolff: https://www.klett-cotta.de/produkt/iris-wolff-lichtungen-9783608987706-t-8538 Gibt’s auch in der Stadtbibliothek: https://stbibk.litkatalog.eu/litterare/manDetail/106152 https://stbibk.litkatalog.eu/litterare/manDetail/106785 (ebook)

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00:00:00: [moduliert] Vorsicht, der Genuss dieses Podcasts kann zu vermehrten Bibliotheksbesuchen führen. [moduliert]

00:00:07: [Intro-Musik] Boris: Hallo und herzlich willkommen zum Vorwort "Kurz und Schmerzlos" heute mit Iris Wolff

00:00:28: und mein Name ist Boris Schön. Liebe Frau Wolf, schön, dass Sie da sind.

00:00:33: Iris Wolff: Danke.

00:00:34: Boris: Ich würde Sie als erstes bitten, dass Sie sich vielleicht kurz vorstellen.

00:00:38: Iris Wolff: Das bin ich lange nicht mehr gefragt worden. Das erinnert einen an so Runden, wo man dann

00:00:45: da sitzt und sich der Reihe nachvor stellt. Also vielleicht: Geburtstag 1977, in Hermannstadt

00:00:53: aufgewachsen und 1985 dann nach Deutschland gekommen mit der Familie. Ich habe ein geisteswissenschaftliches

00:01:01: Studium hinter mir mit verschiedenen Fächern, hatte nie einen Plan, was ich damit machen soll.

00:01:06: Bin dann Literaturvermittlerin geworden am Deutschen Literaturarchiv in Marbach und bin dann zum

00:01:13: Schreiben gekommen und heute bin ich hier mit den "Lichtungen". Das ist mein fünfter Roman.

00:01:18: Boris: Ja, vielen Dank. Die Geisteswissenschaften zu studieren und nicht wissen, wo man damit hin will,

00:01:23: das ist ein bisschen ein Klassiker der Geisteswissenschaften, aber sie wurden ja auch, glaube ich, nicht erfunden,

00:01:28: damit man weiß, wo man hin will.

00:01:30: Iris Wolff: Es erschien mir immer merkwürdig, ein Weg zu gehen, der so vorhersagbar ist, also etwas Sicheres zu nehmen,

00:01:37: weil ich denke, man weiß ja gar nicht, wo die Sicherheit liegt. Und das andere ist, man sollte schon bei seinen

00:01:44: Talenten bleiben, bei so etwas Wichtigem wie dem Beruf, weil man einfach so viel Zeit damit verbringt.

00:01:49: Boris: Das finde ich auch ja. Sachen, die einem Spaß machen, sind wichtig, was man damit sein Berufsleben füllt.

00:01:55: Wie Sie schon gesagt haben, Sie sind mit Ihrem neuen Roman "Lichtungen", oder Ihrem aktuellen Roman,

00:02:00: muss man eigentlich sagen, er ist jetzt circa ein Jahr alt, heute zu Gast in der Stadtbibliothek.

00:02:05: Und Sie haben es zwar schon ein bisschen angedeutet, aber die Frage, wie sind Sie denn zur Schriftstellerin geworden?

00:02:13: Iris Wolff: Es gab eine sehr entscheidende Reise nach Siebenbürgen, da war ich so Mitte 20.

00:02:19: Und ich habe zum ersten Mal verstanden, dass das ganz viel mit meiner Identität oder Prägung oder Herkunft zu tun hat.

00:02:28: Ich habe das ganz lange weggesperrt und dachte dann, weil ich ja so eine Romanleserin bin,

00:02:33: das wäre doch eine gute Idee, das in einem Roman zu verarbeiten.

00:02:38: Also warum ist die deutsche Minderheit ausgewandert aus Siebenbürgen?

00:02:42: Was hat es mit meiner Familie gemacht? Was hat es mit mir gemacht, als Kind zu gehen aus einer vertrauten Umgebung?

00:02:49: Und dieser Roman, das war so ein Experiment.

00:02:53: Und sechs Jahre habe ich gebraucht, bis er fertig war, dann habe ich noch mal ein Jahr gebraucht,

00:02:58: bis ich einen Verlag gefunden habe, den Otto-Müller-Verlag in Salzburg.

00:03:01: Und wenn man einen Roman geschrieben hat, dann denkt man, das hat ja funktioniert, mache ich doch den nächsten.

00:03:06: Und so ging das immer ein Stück weiter.

00:03:09: Ich bin ganz froh, dass mich das Leben an diesem Platz geführt hat, weil ich den Eindruck habe, da kommt so viel zusammen,

00:03:15: was ich mag und was ich kann und was mich auch herausfordert.

00:03:19: Boris: Eine Besonderheit von Ihrem letzten Roman ist ja, dass er rückwärts erzählt wird.

00:03:25: Jetzt würde mich interessieren, worin bestand denn für Sie da oder gab es Herausforderungen dadurch beim Schreiben?

00:03:32: Iris Wolff: Ich würde es nie wieder machen.

00:03:34: Das muss ich ganz klar sagen.

00:03:36: Das war so eine Herausforderung, das erzählerisch so hinzubekommen, wie ich mir das vorgestellt habe im Kopf.

00:03:42: Das ist ja immer ein Riesenunterschied, wie sich Dinge in unserem Kopf zeigen, diese Welt, also dreidimensional in einem Leben,

00:03:48: wie wir uns bewegen, die Erzählerichtung rückwärts.

00:03:51: Das war für mich so klar.

00:03:53: Aber es sozusagen in Sprache zu fassen, ist immer die Herausforderung.

00:03:57: Und auch so, dass Leserinnen und Leser da reinkommen, also sich in diese rückwärts Bewegung fallen lassen,

00:04:03: weil das will man ja auch nicht, dass das zu kompliziert wird oder zu herausfordernd.

00:04:11: Es soll schon anspruchsvoll sein.

00:04:14: Ich finde, Literatur darf uns animieren, mitzudenken und mitzumachen und darf auch Leerstellen haben, die uns einladen,

00:04:22: uns dazu in Beziehung zu setzen zu einem Text.

00:04:25: Aber es soll auch so ein Hineinfallen sein.

00:04:28: Man soll sich auch dem Text überlassen können.

00:04:30: Und die Herausforderung war zum Beispiel, wenn die Protagonisten in ihrer Jugend zum ersten Mal einen Ort entdecken,

00:04:38: wie das Wirtshaus von Milena und Camille, dann muss ich diesen Raum ja so beschreiben, wie die Figuren ihn das erste Mal sehen.

00:04:45: Aber die Leserinnen und Leser, die gehen zum ersten Mal an einem ganz anderen Punkt in diesen Raum.

00:04:50: Also muss ich ja Redundanzen vermeiden.

00:04:52: Ich darf den nicht zweimal auserzählen.

00:04:54: Also was liegt auf den Tischen, welche Decken, wie ist der Raum dekoriert.

00:04:59: Ich muss also so eine Balance finden im Erzählen.

00:05:03: Und das war wirklich die Herausforderung, es anders zu verweben.

00:05:07: Boris: Sie ist auch beim Lesen sehr spannend.

00:05:09: Es sind immer wieder rätselhafte Momente, kam mir vor, beim Lesen.

00:05:14: Und dann klären die sich natürlich mit der Zeit dann wieder auf.

00:05:17: Es war sehr spannend für mich auch, der Leseprozess.

00:05:21: Iris Wolff: Man muss mehr bei so einer Art zu erzählen über Motive arbeiten.

00:05:25: Also so Wiedererkennungsmotive.

00:05:27: Etwas wird angedeutet und das Vertrauen muss bei den Lesenden da sein.

00:05:32: Das wird mir bei oder zugegebener Zeit erklärt, wird es mir gezeigt.

00:05:38: Aber am Anfang sind es eben nur Hinweise und Andeutungen.

00:05:42: Boris: Jetzt würde mich interessieren, nachdem Sie ja schon, wie Sie gerade auch dargestellt haben,

00:05:48: wie Sie auch technisch arbeiten müssen, damit das funktioniert

00:05:53: am Ende ein Buch, das so konstruiert ist.

00:05:57: Wie ist denn Ihre Schreibroutine?

00:05:59: Arbeiten Sie da nach Bürozeiten, Ihre Bücher ab?

00:06:04: Oder wie kann man sich das vorstellen?

00:06:06: Iris Wolff: Das erste ist, dass ich mir lange Zeit lasse.

00:06:09: Also, dass ich mich

00:06:13: nicht hetze, dass ich nicht zu früh Abgabetermine vereinbare, weil ich finde, man muss erst mal

00:06:16: schauen, wie der Stoff sich entwickelt, in welche Richtung er geht. Ich mache mir auch ganz wenig

00:06:22: Pläne für meine Figuren oder für die Handlung und deswegen brauche ich erst mal Zeit, das ist

00:06:27: wichtig. Dann gibt es Phasen, da läuft es gut das Schreiben und Phasen, da muss man warten, weil man

00:06:33: nicht weiß, wie die Geschichte weitergeht, da braucht man noch so eine Hilfestellung von außen oder

00:06:37: irgendwas, was das Leben einem zuspielt, dass man weiß, in welche Richtung geht es. Und ich bin schon

00:06:43: der klassische Morgensschreibende. Also aufstehen, keine Nachrichten schauen, sich nicht in E-Mails

00:06:51: zerfransen und sonstigen Verführungen nachgehen, die einen vom Schreibtisch weglocken, weil es gibt

00:06:57: die immer. Und dann versuche ich wirklich, diese Zeit zu nutzen bis zwölf und die Geschichte voranzutreiben.

00:07:04: Am Nachmittag ist dann eher so was wie Überarbeitung oder Recherche möglich für mich. Dann gibt es

00:07:12: natürlich auch große Unterbrechungen, wenn man auf Lesereise ist. Es gibt Autorinnen und Autoren,

00:07:17: die können wunderbar auf Lesereise schreiben. Ich kann es nicht, ich habe den Laptop zwar dabei,

00:07:22: aber am besten kann ich zu Hause schreiben. - Boris: Sie sind ja zu uns ins Haus gekommen,

00:07:28: eigentlich vermittelt über den Büchereiverband Österreich. Ich weiß es nicht, ob

00:07:34: das stimmt, aber Markus Feigl hat dann gemeint, sie hätten eine, also sie würden Bibliotheken

00:07:40: sehr gerne mögen. Jetzt stelle ich die Frage, stimmt das [Iris Wolff lacht leise] und was mögen sie an Bibliotheken gerne?

00:07:45: Iris Wolff: Ich habe meine ganz frühen Leseerfahrung in Deutschland, die haben wirklich viel mit Bibliotheken

00:07:49: zu tun. Diese Möglichkeit, dass einem so viel zur Verfügung steht, was man ausleihen kann,

00:07:56: das war so wunderbar und ist es bis heute. Jetzt hat es sich ein bisschen verlagert,

00:08:03: zum selber haben wollen, einfach weil Anstreichungen möglich sind und ich die Bücher, die mich prägten,

00:08:10: auch immer bei mir haben will, aber die schönsten Leseerlebnisse in der Jugend und dem

00:08:18: Aufwachsen, die haben ganz viel mit Bibliotheken zu tun und das wird man nie vergessen. Ich habe

00:08:25: irgendwann auch vor, ich weiß noch nicht wann es passt und geschieht, dass ich Bibliotheken auch mal

00:08:31: literarisch sozusagen ein Denkmal setze. Das habe ich noch nicht gemacht. In "Die Unschärfe der Welt"

00:08:37: da gibt es ja den Bene, den Buchhändler und der sagt, man muss Bücher unbedingt besitzen und

00:08:43: das stimmt nicht. Man kann Bücher schon auch leihen. [lacht leise] - Boris: Künstliche Intelligenz ist so in aller

00:08:47: Munde zurzeit und ich habe von vielen Menschen, die in der Kreativbranche, wenn wir das mal so

00:08:53: nennen und da die Literatur miteinschließen, so ein bisschen die Angst verspürt, dass das

00:08:59: mittelfristig einem die Arbeit wegnehmen kann. Wie sehen Sie das jetzt speziell auf die Literatur

00:09:04: bezogen? - Iris Wolff: Ich glaube im Feld der Übersetzung ist es ziemlich gefährlich. Das sieht man ja jetzt schon,

00:09:10: in welche Richtung das geht. Was die Literatur betrifft, habe ich nicht so große Angst. Auch

00:09:16: was die Kunst angeht, auch Bildende Kunst auch nicht, weil ich denke, ja natürlich, das würde

00:09:20: funktionieren. Das wäre vielleicht auch unterhaltsam, aber hat man wirklich Interesse an etwas, was nicht

00:09:26: ein Mensch, ein anderer Mensch, der ein Leben hat, der fühlt, der sich zur Welt in Beziehung setzt,

00:09:32: hat man da wirklich Interesse daran? Ich bezweifle es. Deswegen habe ich auch keine große Furcht.

00:09:37: Ich bin schon neugierig, wie das unser Leben verändert. Also ich weise es nicht ganz von mir,

00:09:45: aber im Feld der Literatur, also für mich wäre es nicht spannend, einen Text zu lesen, wo kein

00:09:52: Mensch dahinter steht, wo auch keine Begegnung möglich ist, vielleicht im echten Leben irgendwann.

00:09:56: Boris: Ich habe auch die Moderation des heutigen Abends mal kurz testhalber durch ChatGPT gejagt und

00:10:02: haben mir danach gedacht, die funktionieren wahrscheinlich prinzipiell, ist aber nicht

00:10:05: meine Moderation. Das wäre dann auch so ein bisschen, also da fehlt das Gefühl dann halt komplett.

00:10:10: Iris Wolff: Ja und vor allem, Sie können dann spontan auf der Bühne entscheiden, in welche Richtung wollen

00:10:15: Sie eigentlich gehen? Wollen Sie tiefer ein Thema verfolgen oder nochmal irgendwo die Ränder

00:10:21: abklopfen? Das ist ja auch so, dass was im Augenblick entsteht. Das versagt man sich ja sonst.

00:10:27: Boris: Ja absolut. Ja vielen Dank für diese Einblicke. Jetzt wollte ich zum Abschluss Sie noch fragen ...

00:10:33: oder um einen Literaturtipp bitten für unsere Leser*innen. - Iris Wolff: Ich entscheide mich hier für ein

00:10:39: Gedichtband, den ich letztes Jahr entdeckt habe. Eine US-amerikanische Autorin, Mary Oliver,

00:10:45: die schreibt so wunderbare Gedichte, dass ich mich unendlich langsam durch diesen Gedichtband

00:10:54: bewege. Der heißt, "Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben". Im Englischen,

00:11:02: glaube ich hat es einen ganz anderen Titel, das hat der Verlag für die deutsche Ausgabe

00:11:06: gewählt. Ich habe es mir inzwischen auch auf Englisch besorgt und lese es so parallel. Das sind

00:11:11: wirklich Einladungen, ein wenig mehr im Augenblick anzukommen und das Leben wertzuschätzen,

00:11:19: auch in der Verbindung vor allem mit der Natur. Da ist so eine große Dankbarkeit

00:11:24: drinnen in diesem Buch, was alles Lebendige anbelangt und das sind ganz wertvolle Impulse

00:11:31: und auch eine unglaublich klare unprätentiöse Sprache, die die Autorin hat. - Boris: Lyrik zum

00:11:39: Genießen. - Iris Wolff: Genau. - Boris: Ja, vielen herzlichen Dank für das Gespräch und ich freue mich schon auf das Gespräch

00:11:45: heute Abend mit Ihnen auf der Bühne. - Iris Wolff: Sehr gerne.

00:11:48: [Outro-Musik] [Boris spricht] S'Vorwort ist eine Produktion der Stadtbibliothek Innsbruck und Teil der Stadtstimmen,

00:12:18: dem Audiokanal der Stadt Innsbruck. [Boris spricht]

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